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  • Rev. Giacinto-Boulos Marcuzzo, Titularbischof von Emmaus, Weihbischof und Patriarchalischer Generalvikar für IsraelGeboren am 24. April 1945 in San Polo di Piave (Fernsehen), Italien; ordinierter Priester am 22. Juni 1969; am 29. April 1993 zum Titularbischof von Emmaus ernannt; am 3. Juli 1993 in Jerusalem zum Bischof geweiht.

Wiederholte Aufrufe der Kirchen wegen christenfeindlicher Übergriffe im Heiligen Land

In den letzten zehn Jahren ist im Heiligen Land die Zahl christenfeindlicher Übergriffe seitens radikaler Juden deutlich gestiegen. Regelmässig wenden sich die Repräsentanten der verschiedenen im Heiligen Land vertretenen christlichen Denominationen an die öffentlichen Behörden, um entsprechende Übergriffe zu verurteilen.

Im Folgenden eine Zusammenfassung der Ereignisse des letzten Jahrzehnts durch das internationale Hilfswerk «Kirche in Not (ACN)», das dafür mit Bischof Giacinto-Boulos Marcuzzo, Generalvikar des Lateinischen Patriarchats für Jerusalem und Palästina gesprochen hat:

Am 11. Februar dieses Jahres wurden in der arabischen Stadt Gisch im Norden Israels ungefähr einhundert Autoreifen aufgeschlitzt. Zudem wurden die Mauern der Stadt mit auf Hebräisch geschriebenem Graffiti beschmiert. Gisch zählt ungefähr 3000 Einwohner, wovon über 50% Maroniten, 10% Melkiten und 35% Muslime sind. Die Wandschmierereien mit dem Wortlaut „Wachet auf, Ihr Juden… hört auf, euch zu assimilieren“ kritisierten offen das Zusammenleben der Religionen in Israel.
Die aus den katholischen Bischöfen und Weihbischöfen der lateinischen und orientalischen Riten des Heiligen Landes zusammengesetzte Vereinigung der katholischen Ordinarien des Heiligen Lands (Assemblée des Ordinaires catholiques de Terre Sainte AOCTS), reagierte sofort und forderte „die zivilen Behörden und Sicherheitsbehörden des Staates“ auf, „ihrer Verantwortung in Bezug auf Bildung und Sicherheit nachzukommen, damit sich solche Verbrechen in Zukunft nicht wiederholen“. Eine Aufforderung, die zum wiederholten Mal ausgesprochen wurde. Bischof Giacinto-Boulos Marcuzzo, Generalvikar des Lateinischen Patriarchats für Jerusalem und Palästina, sagt in diesem Zusammenhang bedauernd, dass „die AOCTS seit über zehn Jahren um ein Treffen mit den verantwortlichen Ministern oder sogar mit dem Premierminister bittet (…) Bis heute jedoch ohne jeden Erfolg!“
Kultstätten werden bespuckt, beleidigt, mit anstössigem Graffiti beschmutzt, mutwillig beschädigt. Im letzten Jahrzehnt gab es Dutzende dieser Übergriffe. Allein im Laufe der letzten zwei Jahre wurden fünf Übergriffe gezählt. Sie werden zwar für gewöhnlich von der israelischen Regierung, den Medien und der öffentlichen Meinung in Israel verurteilt, wie Bischof Marcuzzo positiv feststellt. Doch den Worten folgen meist keine Taten. Mit einer Ausnahme: Nach dem Brandanschlag 2015 auf einen Teil der in Taghba im Norden Israels gelegenen Pilgerstätte der Brotvermehrung, wurden die dafür verantwortlichen Täter festgenommen und verurteilt, betont der Generalvikar für Jerusalem.

Die Wurzel des Übels muss bei der Schulbildung gesucht werden
Die Kirchen des Heiligen Landes weisen mehrheitlich auf die Bildung hin, die den jungen Menschen in manchen israelischen Schulen zukommt. „Es ist sicherlich eine Frage der Bildung, hinter der ein allgemeineres kulturelles Problem liegt: die mangelnde Akzeptanz des Andersseins des anderen“, analysiert Bischof Marcuzzo, und fügt hinzu: „Wir sind sehr besorgt, weil die gegenseitige soziale Akzeptanz die gesunde Basis einer jeden Gesellschaft ist, insbesondere bei der grossen ethnischen, kulturellen, religiösen und politischen Vielfalt in Israel und im Nahen Osten. Eine solche Haltung untergräbt die Grundlage des sozialen Zusammenhalts und der Solidarität, die doch die Basis eines jeden Landes ausmachen. Wir sind ebenfalls besorgt, weil diese Kultur nicht zur Versöhnung und zum Frieden führt, die doch das vorrangige Ziel jedes Landes in dieser Region sein sollten.“
Die Vereinigung AOCTS hatte bereits im Oktober 2012 ihre Bestürzung ausgedrückt: „Was geschieht denn heute in der israelischen Gesellschaft, dass die Christen zu Sündenböcken und zu Zielen der Gewalt werden? Was für eine Art Lehre der Verachtung gegenüber den Christen wird denn in den Schulen unterrichtet? Und weshalb werden die Schuldigen niemals festgenommen, geschweige denn vor Gericht gebracht?“, fragten sich damals die katholischen Kirchen im Heiligen Land. Die AOCTS hatte ebenfalls ausdrücklich darum gebeten, „dass das Bildungssystem radikal verändert werden möge.“ Acht Jahre später muss eine bittere Erkenntnis getroffen werden. „Die Kirchen weisen auf allen Ebenen und bei mehreren Gelegenheiten auf dieses Problem hin, doch ihre Stimme wird nicht immer gehört, weil sie weder politisches noch finanzielles Gewicht hat (wir machen nur 2% der Bevölkerung aus). Daraus ergibt sich übrigens auch das Problem des gesetzlichen Schutzes und der Rechte der Minderheiten“, stellt Bischof Marcuzzo fest.

Radikale Siedler und religiöse Juden
Das Ereignis in Gisch ist im Kontext einer Politik, die seit 2008 von radikalen Siedlern und anderen rechtsextremistischen Aktivisten verlangt wird. Sie sagen, sie wollten Rache nehmen wegen der ihnen von Regierung und Armee aufgezwungenen Einschränkungen ihrer radikal fanatischen Sichtweise der Besiedlung. Dazu greifen sie die Besitztümer der palästinensischen Bevölkerung im Westjordanland und der arabischen Bevölkerung in Israel (sowohl der christlichen als auch der muslimischen) oder deren Kultstätten an.
Doch wie es vor noch nicht einmal einem Jahr der armenische Patriarch von Jerusalem beklagte, könnten die Angriffe auch von „extremistischen religiösen Juden“ verübt werden. Sie sind in Israel in der Minderheit, können jedoch in der jüdischen religiösen Welt des Landes einen gewissen Einfluss ausüben.
In seiner Botschaften vom 20. Juni 2019 brach das armenische Patriarchat zudem sein Schweigen, nachdem es zu einer Auseinandersetzung zwischen seinen Seminaristen und drei jungen Juden gekommen war, als erstere ihre wöchentliche Prozession aus dem armenischen Viertel der Jerusalemer Altstadt zur Kirche des Heiligen Grabes machten. Die Juden hatten die Priesteranwärter angespuckt und dabei geschrien: „Die Christen sollen sterben“ und: „Wir werden euch in diesem Land auslöschen.“ Das armenische Patriarchat Jerusalem drückte darüber seine Empörung aus: „Wir dachten, Israel sei ein demokratisches Land… Wer würde es wagen, Juden in Europa und in den Vereinigten Staaten anzuspucken? … Ist es in Israel erlaubt, Christen anzuspucken?“
Parallel dazu forderte das Patriarchat ebenfalls die israelische Regierung, die jüdischen religiösen Oberhäupter, die israelische Polizei und alle anderen Behörden auf, „die Verantwortlichen zu bestrafen sowie dieses Verhalten gegenüber Christen und insbesondere gegen die armenische Gemeinde nachdrücklich zu verurteilen.“

Ein Phänomen, das nicht nur Jerusalem betrifft
In der Nähe des armenischen Viertels in Jerusalem hat es in den vergangenen Jahren ebenfalls Übergriffe mit christenfeindlichem Charakter gegen die auf dem Berg Zion angesiedelten christlichen Glaubensgemeinschaften (griechisch-orthodoxe Christen, Franziskaner und Benediktiner, Armenier) gegeben. Tatsächlich möchten radikale Juden  das Verschwinden jeder christliche Präsenz aus dem Umfeld dessen, was sie als das Grab König Davids verehren, erreichen. Zu dem entsprechdenen Gebiet gehört unter anderem die Dormitio-Abtei der Benediktiner, auf die im Mai 2014 und Februar 2015 Brandanschläge verübt wurden. 2012 und 2013 wurden die Mauern mit eindeutig christenfeindlichem Graffiti beschmiert. Das gleiche geschah im Januar 2016, als die Wände des Gebäudes mit hasserfüllten hebräischen Sprüchen beschmiert wurden: „Tod den christlichen Heiden, den Feinden Israels“; „Mögen sein Name (Jesus) und sein Angedenken ausgelöscht werden“, oder: „Zur Hölle mit den Christen“.
Doch dieses Phänomen betrifft nicht nur Jerusalem. Nachdem der Friedhof des Salesianerklosters in Bet Dschemal im Dezember 2015 das erste Mal entweiht wurde, warfen im Oktober 2018 unbekannte Täter dort erneut Grabsteine um und zerstörten Kreuze. Bet Dschemal liegt 30 km westlich von Jerusalem, in der Nähe der Stadt Bet Schemesh, die einen hohen Bevölkerungsanteil an ultraorthodoxen Juden aufweist. Im Jahr 2013 war das Kloster mit Molotowcocktails beworfen worden und die Mauern des Klosters mit Slogans wie „Tod den Nichtjuden“ besprüht. Im September 2017 wurde die zum Kloster gehörende Kirche des Heiligen Stephanus durch Vandalismus beschädigt.
Vor zwei Jahren wurden ebenfalls in Bet Dschamal die Mauern des Klosters der Monastischen Familie von Bethlehem mit blasphemischen Slogans in hebräischer Sprache beschmiert. Im März 2014 wurde in der Nähe von Bet Schemesh das Kloster Deir Rafat mit dem Heiligtum von Unserer Lieben Frau von Palästina Ziel einer mutwilligen Beschädigung. Schliesslich der bereits oben genannte Brandanschlag in Tabgha, der einer der symbolträchtigsten Übergriffe war.